'Blanschandin'
F-25le
General Information
Schreibsprache: Mittelfränkisch-rheinfränkisches Grenzgebiet
Kodikologie:
Im Einband einer lateinischen Papierhandschrift der Österreichischen Nationalbibliothek, Codex vindobonensis Palatinus 3742 (früher: Lunaelacensis F. 196), wurden sieben Längsstreifen einer Pergamenthandschrift aus dem späten 13. Jahrhundert aufgefunden.
Die Streifen wurden zu drei Blättern zusammengesetzt: Fol. 1 besteht aus drei, Fol. 2 und 3 aus jeweils zwei Längsstreifen. Fol. 2 wurde ursprünglich in drei Längsstreifen zerschnitten; der dritte Streifen ist verloren. Infolgedessen fehlen die Hälfte der zweiten Spalte auf fol. 2r sowie die Hälfte der ersten Spalte auf fol. 2v.
Die Handschrift ist zweispaltig angelegt; die Verse sind abgesetzt und beginnen jeweils mit einer in eine schmale Zusatzspalte vorgerückten Majuskel. Beim Zusammensetzen der Streifen sind einzelne Buchstaben verloren gegangen. Fünf rote Lombarden (fol. 1va, 2rb, 3rb [zweimal] und 3va) sowie fünf blaue, mit roten Strichen verzierte Fleuronnée-Initialen (fol. 1vb, 2ra, 2rb, 3rb und 3vb) gliedern den Text. Auf allen drei Blättern finden sich Wurmlöcher, abgeriebene Stellen – insbesondere auf fol. 2ra, v. 154–157 – sowie Leimflecken. Am oberen Rand von fol. 3ra hat eine spätere Hand das Alphabet und das Wort my̅n eingetragen.
Die Handschrift ist in einer einfachen Textualis geschrieben, die in das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts datiert werden kann (vgl. Perkins 1969, S. 407). Für eine Entstehung im späten 13. Jahrhundert sprechen insbesondere die verkürzten unteren Bögen des g, die Verlängerung der nach rechts umschwingenden h-Bögen sowie die Übergangsformen des a. Auch die gelegentlich auftretenden Zierstriche am t-Balken sind für diese Zeit charakteristisch (vgl. Schneider 1987, S. 204–205). Der Buchstabe k weist stellenweise die moderne Form auf, bei der der untere Bogen zum folgenden Buchstaben geführt wird. Diese Form findet seit der Wende zum 14. Jahrhundert zunehmend Verwendung (Schneider 1987, S. 205).
Inhalt:
Fragmente eines mittelhochdeutschen Artusromans des 13. Jahrhunderts, der auf den altfranzösischen Roman Blancandin et l’Orgueilleuse d’amour zurückgeht. Im Mittelpunkt steht Blanschandin, der Sohn des friesischen Königs, der den Entschluss fasst, den väterlichen Hof zu verlassen und sich auf Abenteuersuche zu begeben.
Original Condition
Current Condition
Content
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Content Item
- Text Language Mittelfränkisch
-
Content Description
Erhalten sind drei Blätter, die dementsprechend drei unterschiedliche Episoden des mhd. Romans überliefern. Aus dem Vergleich mit der afrz. Vorlage ergibt sich, dass die überlieferten Episode des mhd. Romans nicht direkt aufeinander folgen, sondern dass jeweils mindestens ein Blatt zwischen jedem erhaltenen Blatt fehlen muss.
Blatt 1:
Blanschandin wird von einem Meister erzogen, wie es einem jungen Fürsten angemessen ist. Sein Vater verbietet jedoch, dass er von der Ritterschaft erfährt. Als der junge Blanschandin auf einem Wandteppich im Zimmer der Königin Kampfszenen dargestellt sieht, fasst er den Entschluss, den väterlichen Hof zu verlassen und sich auf Abenteuersuche zu begeben. Diese Episode entspricht v. 68–154 der afrz. Vorlage (zitiert nach Sweetsers Ausgabe).
Blatt 2:
Diese Episode ist verderbt. Die Hälfte der Spalte auf fol. 2rb und 2va ist bei der Makulierung verlorengegangen, so dass sich diese Verse nur schwer rekonstruieren lassen. Es handelt es sich um Blanschandins ersten Kampf gegen einen anonymen Ritter, welcher eine Dame entführt hat. Blanschandin und der Ritter werden während des Kampfes mit Feirefiz und Parzival verglichen. Diese Szene entspricht v. 295–353 des afrz. Romans.
Blatt 3:
Blanschandin zieht nach dem Kampf weiter. In einem Gebirge stößt er am Abend auf einen unüberquerbaren Fluss. Ein am anderen Ufer wachender alter Ritter rät Blanschandin, den Fluss erst am nächsten Morgen zu überqueren. Er erklärt ihm, dass er jedem, der auf die Burg seiner Herrin gelangen und ihr dienen möchte, die Furt weist. Er übergibt Blanschandin einen Ring und weist ihn zu einer Burg, auf der er übernachten kann. Am nächsten Morgen sollen sie sich am Fluss wieder treffen. Diese Episode geht auf v. 377–442 der Vorlage zurück.
History
Herkunft unbekannt. Nur die Schreibsprache weist in das mittelfränkisch-rheinfränkische Grenzgebiet.
Vom Einband einer lateinischen Papierhandschrift der Österreichischen Nationalbibliothek, Codex vindobonensis Palatinus 3742 (Vorsignatur ‚Lunaelacensis F. 196‘), abgelöst. Codex 3742 entstand im 15. Jahrhundert im Benediktinerkloster St. Michael in Mondsee und überliefert u.a. lateinische Sermones von der Hand des Wiener Magisters Hieronymus von Mondsee, der auch unter dem Namen Johannes de Werdea bekannt war. Wie andere Handschrift des Klosters Mondsee erhielt Codex 3742 seinen heutigen Einband bei seiner Herstellung im Kloster im 15. Jahrhundert. Zu dieser Zeit dürfte also die 'Blanschandin'-Handschrift makuliert worden sein. Spuren ihrer Wiederverwendung sind noch sichtbar. Auf fol. 3ra der 'Blanschandin'-Handschrift lässt sich eine jüngere Schriftprobe erkennen: Eine spätere Hand hat das Alphabet und das Wort mȳn an den oberen Rand geschrieben.
Bibliography
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Achnitz, Wolfgang, Deutschsprachige Artusdichtung des Mittealters. Eine Einführung, Berlin und Boston 2012, S. 243–245.
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Blancandin et l’Orgueilleuse d’Amour. Roman d’aventures du XIIIème siècle. Nouvelle édition critique d’après plusieurs manuscrits en vers par Franklin P. Sweetser, Genève 1964 (Textes littéraires français 112).
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Haupt, Joseph, Blanschandin. Bruchstücke eines mhd. Gedichtes, in: Germania 14 (1869), S. 68–74.
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Meyer-Benfey, Heinrich (Hg.), Mittelhochdeutsche Übungsstücke, 2. Auflage, Halle a.d. Saale 1921, S. 155–165.
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Perkins, Georges, Le Roman Chevaleresque de Blanchandin. Traité comparatif des manuscrits français, anglais et allemands, et de leurs éditions avec une étude approfondie du fragment du manuscrit allemand, Diss (masch.) Paris 1969.
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Ruberg, Uwe, Blanschandin, in: 2Verfasserlexikon 1 (1978), Sp. 890–892.
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Schneider, Karin, Gotische Schriften in deutscher Sprache. I. Vom späten 12. Jahrhundert bis um 1300. Textband, Wiesbaden 1987.
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Stohlmann, Jürgen, Johannes de Werdea (Hieronymus von Mondsee), in: 2Verfasserlexikon 4 (1983), Sp. 799–811.